Die Vor- und Nachteile des Homeschoolings und was wir daraus lernen sollten – ein Elftklässler berichtet…

Die Vor- und Nachteile des Homeschoolings und was wir daraus lernen sollten – ein Elftklässler berichtet…

Was positiv daran sein soll, dass wir jeden Tag mehrere Stunden vor dem Bildschirm sitzen, uns mit technischen Problemen auseinandersetzen müssen und uns Noten fehlen, die darüber entscheiden, ob wir weiterhin ein erfolgreiches Abitur anstreben können? Viele von uns würden auf diese Frage wahrscheinlich antworten: „Gar nichts!“ – Doch es gibt tatsächlich ein paar Vorteile und positive Effekte.

Ein Vorzug ist beispielsweise das Benutzen von digitalen Medien und Plattformen wie YouTube und MS Teams. Während wir vor einigen Monaten oftmals nur unser Schulbuch benutzten, um Vorgänge zu verstehen und etwas über deren Anwendung lernen zu können, Videos im Unterricht eher die Ausnahme waren und man sich schließlich zu Hause dann selbst ein Video suchte, weil man die Erklärung im Schulbuch und die Hefteinträge des jeweiligen Lehrers einfach nicht verstanden hat, gibt es nun häufiger den Hinweis von Seiten der Lehrer: „Schaut euch mal dieses Video an, da wird es recht gut erklärt.“ – Damit meine ich nicht die Videos des FWU, sondern einfache Erklär-Videos beispielsweise auf YouTube, die schon seit Jahren online sind, aber im Unterricht bisher kaum eine Rolle spielten, obwohl sie dasselbe Thema behandeln wie wir in unserem Unterricht. Einige Lehrer drehen sogar eigene Videos, in denen sie den Stoff „kurz und knackig“ erklären und anschaulich präsentieren und nicht nur durch seitenlange Texte im Schulbuch. Man darf hoffen, dass digitale Medien auch im Präsenzunterricht ihren festen Platz finden werden und die Hausaufgabe vielleicht bald lautet: „Schaut euch bitte bis morgen dieses Mathe-Video an“, anstatt die zuletzt behandelten fünf Seiten im Buch zu lesen.

Aber nicht nur die Wahl der Medien, auch das selbstständige Arbeiten im Homeschooling kann einen positiven (Neben-)Effekt haben. Während man sich in der Schule auf den Lehrer oder die Mitschüler verlassen kann, wird man momentan schon ziemlich allein gelassen – und das meine ich durchaus positiv. Man muss sich die Zeit selbst einteilen, eigene Lösungen zu den Aufgaben finden und zuverlässig alle Arbeitsaufträge erledigen, ohne dass dies dauernd lückenlos kontrolliert wird. Also genau genommen müssen wir gerade genau so lernen wie die Studenten an einer Universität: Man muss sich den Stoff größtenteils selbstständig erarbeiten und es gibt regelmäßige Konferenzen, in denen der Stoff nochmals wiederholt wird und neue Themen behandelt werden. Und einen nützlichen Einblick in das Leben eines Studenten zu erhalten, das ist doch gar nicht so schlecht, auch wenn man sich das vielleicht anders vorgestellt hatte.

Andereseits ist das Modell des Homeschoolings aber nicht umsonst auch zahlreicher Kritik ausgesetzt. Und es ist auch gut so, dass man aus den Fehlern lernt – und es gibt einige Fehler in unserem Schulsystem, die eigentlich auf der Hand liegen, aber nicht behoben werden. Hier steht vor allem das Thema Digitalisierung im Mittelpunkt, denn Deutschland ist in diesem Punkt keinesfalls ein Vorzeigemodell. Momentan bekommen wir knallhart zu spüren, dass es da einige Probleme gibt: Netzwerkprobleme gehören zur Tagesordnung, weil zu viele Menschen gleichzeitig darauf zugreifen wollen und es darauf einfach nicht ausgelegt ist. Jetzt könnte man sagen, da wir auf dem Land leben, gestaltet sich das alles ein bisschen schwieriger. Doch zum Beispiel im ländlichen, beschaulichen Österreich gibt es flächendeckend ein ausgebautes Internetnetzwerk, das es jedem ermöglicht, ohne Problem das Internet zu nutzen. Also kann es anscheinend funktionieren, aber bis jetzt eben noch nicht in Deutschland, und das sollte man schleunigst ändern!

Ein weiteres Problem ist, dass manche Schüler überhaupt nicht die Chance haben am Homeschooling teilzunehmen, weil ihnen die technische Ausrüstung fehlt. Unsere Schule stellt deswegen beispielsweise technische Geräte zur Verfügung, um es jedem zu ermöglichen im Unterricht mitzuarbeiten. Aber – obwohl dies selbstverständlich sein sollte – gehört unsere Schule in dieser Hinsicht zur Minderheit. Denn oft fehlen dazu die finanziellen Mittel und auch das Know-how. Doch Tablets, Notebooks oder Laptops könnten uns im Unterricht unglaublich weiterhelfen, denn der Unterricht könnte besser vorbereitet werden, Papier könnte eingespart werden und wir uns besser für das Berufsleben präparieren. Denn in der Zukunft muss man keine Briefe mehr schreiben oder Ordner anlegen, sondern technische Kenntnisse vorweisen können und jenee Programme beherrschen, die bestimmte Arbeitsvorgänge erleichtern. Außerdem könnte man dieses digitale Wissen und die erforderlichen Fähigkeiten fächerübergreifend lernen und nicht nur in einer Schulstunde Informatik pro Woche. Beispielsweise haben Schüler in Norwegen schon seit 2017 Laptops, die sie für die Schule nutzen können und mit denen sie auch zuhause Präsentationen, Hausaufgaben oder Referate vorbereiten können. Es gibt sogar für jede Klasse ein eigenes WLAN und auch das Hochladen von Dateien ist kein Problem. Jeder Schüler darf auch entscheiden, ob er Hefteinträge und Aufgaben handschriftlich oder auf dem Laptop erledigen möchte. Bei uns in Deutschland freut man sich schon, wenn man einmal im Schuljahr in jedem Fach in den Computerraum darf.

Ein weiteres Problem, das uns das Homeschooling aufzeigt, ist unser Schulsystem in Deutschland. Immer wieder wird darüber diskutiert, dass es veraltet sei und man einiges verändern sollte. Doch es hat sich bisher nicht viel geändert, und das Ergebnis sehen wir jetzt. Schüler, die sich schon im Präsenzunterricht schwergetan haben, verlieren jetzt komplett den Anschluss. Denn im Homeschooling ist es fast nicht möglich, auf einzelne Schüler Rücksicht zu nehmen und auch der direkte Kontakt zum Lehrer ist nur schwer umsetzbar. Ein Grund dafür ist, dass die Klassen meistens zu groß sind und der Lehrer überhaupt nicht die Möglichkeit hat, sicherzustellen, dass jeder Schüler auf dem gleichen Stand ist. Aber auch Schulaufgabentermine, Noten und andere Leistungsnachweise können in Zeiten von Corona nur mühsam umgesetzt werden. Diese Faktoren zeigen uns, dass die Individualität in unserem Schulsystem vernachlässigt wird und man strikte Termine und Regelungen befolgt, anstatt diese immer neu auf den jeweiligen Fall anzuwenden. Doch einzelne Schulen können dies nicht ändern, dafür braucht es eine Erneuerung in unserem Schulsystem, die es erlaubt, dass man individuell lernt und aufgrund seiner eigenen Interessen und Fähigkeiten bewertet wird. In anderen Ländern wurde dies schon umgesetzt, dort gibt es keine unterschiedlichen Schularten und – in bestimmten Fächern – keine riesigen Klassen, sondern kleine Lerngruppen, in denen der Lehrer auf jeden Schüler einzeln eingehen kann und sicherstellen kann, dass keine großen Wissenslücken entstehen. Außerdem haben die Schüler die Möglichkeit sich zu entscheiden, welche Arbeitsaufträge sie als Erstes erledigen möchten. Am Ende der Woche werden diese dann besprochen bzw. es gibt regelmäßig kleine Tests, um sicherzustellen, dass die Schüler den jeweiligen Schulstoff auch verstanden haben. Dieses Schulsystem weist einige Züge des Homeschoolings auf, nur dass man jederzeit den Lehrer fragen kann und seine Schulkameraden um sich hat. Natürlich hat auch diese Art der Schule ihre Nachteile, doch sie hat einen wichtigen Grundgedanken, nämlich dass jeder so ist, wie er ist, und ihm alle Türen offenstehen sollten.

Ihr seht also, dass unser Homeschooling Vor- und Nachteile hat, wobei wahrscheinlich insgesamt die Nachteile überwiegen und schwerere Folgen mit sich bringen. Ich hoffe allerdings – und damit bin ich nicht alleine -, dass man aus der aktuellen Situation lernen wird und unsere Art zu unterrichten immer weiter verbessert.

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